Geschichten von Abenteuern, Gestrandeten und ewiger Sehnsucht |
Die kanadische Bark "Lennie" segelte im Sommer 1875 in der Biskaya mit Kurs auf Griechenland. Dort aber sollte sie nie ankommen. Denn die Mannschaft des Seglers meuterte und ermordete dabei kurzerhand ihren Kapitän sowie den Ersten Offizier. Einzig der Schiffsjunge und ein belgischer Steward beteiligten sich nicht am Aufstand. Doch gerade der Steward sollte den Rebellen helfen. Wer schreiben könne, so vermuteten sie, der könne auch navigieren. Also steuerte der Belgier das Schiff in den Ärmelkanal. In einem unbeobachteten Moment nahm er sich ein Stück Papier, notierte kurz die Vorfälle, steckte das Blatt in eine Flasche und warf diese über Bord. Monate später fand ein Engländer die Message in a Bottle, und es dauerte nicht lange, da baumelten die zwölf Meuterer in der Nähe von Southampton am Galgen. Als Lohn erhielt der Briefschreiber 50 Pfund.
Dies ist nur eine von zahlreichen Geschichten, in denen eine Flaschenpost von Sehnsucht, Abenteuer oder Tragik erzählt. Ursprünglich jedoch waren die gläsernen Mitteilungen gar keine Post. Denn Wissenschaftler hofften, durch sie Strömungen besser berechnen zu können. So legte bereits 1839 der französische Hydrograph Pierre Daussy der Pariser Akademie der Wissenschaften eine "Abhandlung über Flaschenposten" vor. In seiner Auswertung stellte er fest, die Triftbahnen ordneten sich in zwei Gruppen. In den Tropen führten sie alle nach Westen, in den höheren Breiten umgekehrt nach Osten. Die ersten groben Hinweise auf den Golfstrom.
In Deutschland gilt der Hamburger Gelehrte Georg Ritter Balthasar von Neumayer als Begründer der deutschen Flaschenpost-Forschung. Er hatte die Idee, Hamburger Kapitänen leere Flaschen mit einem Daten-Zettel zu geben. Auf einer von ihm bestimmten Position warfen die Schiffsführer diese dann mit dem ausgefüllten Papier über Bord. Darauf bat die Deutsche Seewarte den Finder, die Post nach Hamburg zurückzuschicken. Mit diesen Experimenten allerdings, das wussten die Experten schon damals, waren die Strömungen nur unzureichend festzustellen. Auch weil, wie Neumayer 1868 in "Mitteilungen aus Justus Perthes Geographischer Anstalt" schrieb, die Fracht es "nur einem Zufall zu danken hat, wenn sie nach langem Kreislauf einer bewohnten Küste zugeführt wird". Trotzdem, die verbleibende nasse Fracht verhalf den Meeresforschern immer wieder zu neuen Erkenntnissen.
So setzte die schottische Fischereibehörde von 1894 bis 1897 insgesamt 3550 Flaschen in der Nordsee aus, wovon ein Sechstel wieder eingesammelt wurde. Die Daten der Triftkarte ergaben eine deutliche Umkreisung entgegen dem Uhrzeiger. Das Wissen von gestern nutzt heute den stolzen Findern. Denn die Spezialisten können ihnen erklären, auf welchen Routen die Pullen durch die Meere kreisten.
Gefahrvoll schipperte eine Hustensaft-Flasche elf Jahre über die Meere. Ein 9-jähriges Kind hatte sie im niederländischen Kampen in einen Wassergraben geworfen. Von dort muss die Post zunächst zahlreiche Schleusen der Ijssel und des Ijsselmeers passiert haben. Dann trieb sie mit dem Golfstrom zunächst bis nach Kanada und mit dem Labradorstrom erneut ostwärts bis in den Golf von Biskaya. Im französischen Biarritz wurde sie schließlich von einer französischen Studentin entdeckt.
Die Geschichte der maritimen Post ist reich an Kuriositäten, Amouren und Rekorden, an Hilferufen und Grüßen. Nicht selten ist sie der Beginn einer interessanten, neuen Freundschaft.
Als der Fischer Steve Gowan im Mai 1999 in der Themsemün-dung eine grüne Bierflasche in seinem Netz fand, ahnte er nicht, welche Tragödie dahinter steckte. 1914 setzte der 26-jährige Soldat Thomas Hughes von einem Kriegsschiff eine Flaschenpost in den englischen Kanal aus. Den Finder bat er darin, das Papier an seine Frau Elisabeth weiterzuleiten. Zwölf Tage später fiel Hughes an der Front. Nun konnte der Fischer Gowan der 86 Jahre alten Tochter von Hughes, die in Neuseeland lebt, den letzten Willen ihres Vaters übergeben. "Ich glaube, er wäre sehr stolz", meinte sie, "wenn er wüsste, dass seine Post nun doch angekommen ist."
"Eine Flaschenpost kann theoretisch zehnmal die Erde umrunden, ohne gefunden zu werden", meint Günter Heise, pensionierter Beamter und Flaschenpost-Forscher. "Die Wahrscheinlichkeit, dass sie am Ende heil ankommt, liegt bei weniger als zehn Prozent".
Unter Königin Elisabeth I, im ausgehenden 16. Jahrhundert, konnte es lebensgefährlich sein, eine Flasche zu entdecken. Die Regentin vermutete, in ihnen könnten Staatsgeheimnisse sein. Und tatsächlich öffnete in der Nähe von Dover ein ahnungsloser Fischer das Siegel einer Flasche. Das hätte ihn beinahe das Leben gekostet. Denn in der Post informierte die Besatzung eines Kriegsschiffes die britische Admiralität über feindliche Truppen. Zu seinem Glück konnte der Fischer nicht lesen und die Königin begnadigte ihn. Die Insel Herrscherin bestellte daraufhin eigens einen Hofbeamten als Flaschenpost-Öffner. Der Job des "Official Uncorker of Bottles" bestand immerhin 200 Jahre bis zur Regierungszeit König Georg III. im 18. Jahr-hundert.
Das Hamburger Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie besitzt mit rund 600 Flaschenpostbriefen eine weltweit einzigartige Sammlung, die von Abenteuern, Gestrandeten und Legenden berichtet. Das älteste Dokument in der Sammlung ist gleichzeitig eines, das eine sehr weite Reise hinter sich hat. Von Bord des Segelschiffs "Norfolk" warf Georg Neumayer am 14. Juli 1864 bei Cap Horn eine verschlossene Rumflasche mit einem Datenzettel über Bord. Nach drei Jahren spülte die See das Treibgut an die Südküste Australiens. Die Flasche hatte im Südatlantik und im Indischen Ozean 15.800 Kilometer zurückgelegt.
Oft waren für Seemänner die schwimmenden Flaschen ihr letzter Gruß an die Welt: So eine Botschaft, die vom Untergang der deutschen Viermastbark "Nomia" in einem Orkan am 16. Juli 1912 berichtete. Ohne diese Nachricht wäre das Schicksal des Schiffes vermutlich für immer im Dunkeln geblieben. 1784 erlitt der Japaner Chunosuke Matsuyama mit 44 Matrosen Schiffbruch an einem Korallenriff im Pazifik. Kurz vor dem Verhungern schrieb er die Tragödie auf ein Stück Rinde, steckt es in eine Flasche und warf diese in den Ozean. Erst 151 Jahre später entdeckte eine Familie die Post, ganz in der Nähe des Geburtsortes von Matsuyama.
Wer heute eine Flaschenpost abschicken und sich ein bisschen Nostalgie gönnen möchte, braucht nicht einmal ans Wasser. Im Internet bietet u.a. die Firma "deine-flaschenpost" ihre Dienste zum Versenden von Flaschenpost an. So ist es möglich, eine eigene Nachricht als "virtuelle Flaschenpost" zu versenden, per Brief an eine reale Adresse zu senden oder seine persönliche Flaschenpost auf ein Schiff in der Ostsee bringen zu lassen und dann der See anzuvertrauen. Der zukünftige Service kostet von 15 bis zu 60 Euro. Dafür fliegt die Post aber dann auch in ferne Meere.


